Bollywood & Kultur in Indien

Indien: Filme und Bollywood

Lebensfreude auf indisch: maskierter Tänzer

 

Farbenfrohe Saris, die im Takt der Musik schwingen und wippen, und fröhliche Gesichter, herzzerreißender Gesang, Liebe, Freude, Herzschmerz, Dramatik und Versöhnung, kombiniert mit noch mehr Dramatik, Kitsch und Happy-End-Garantie – genau, die Rede ist von den sogenannten Bollywoodfilmen, dem umgangssprachlichen Ausdruck für die Hindi-Filme Indiens. Diese Sicht auf die Filme Indiens aus westlicher Brille wird ihnen jedoch nur sehr eingeschränkt gerecht.

Es mag stimmen, dass viele kommerzielle indische Filme nicht gerade tiefgründig sind und stark von Wiederholung und auch kitschigen Elementen geprägt sind. Aber genau diese Elemente machen auch den Reiz dieser Streifen aus und bestimmen die Erfolgsgeschichte indischer Filme. Das Publikum in Indien, das in seinem Alltag ständig mit Not und Armut konfrontiert ist, flüchtet sich gern in die monotone, überzogene Märchenwelt des Films. Hier gibt es keine bösen Überraschungen; so bitter der Kampf auch sein mag, das Gute wird siegen. Die repetitiven Elemente des indischen Films schaffen Verlässlichkeit und strahlen Hoffnung aus. Der vom Volksmund liebevoll als Masala-Film bezeichnete indische Film besticht durch Lebensfreude, fröhlichen Gesang und pulsierende Tänze. Den typischen Hindi-Film gibt es nicht, ob Liebesromanze, Western oder Thriller – in Indien wird alles produziert. Jedoch lassen sich einige Merkmale ausmachen: die lange Dauer (2,5 bis 4 Stunden), die musikalische und tänzerische Untermalung und die Eingliederung traditioneller Elemente indischer Ästhetik in die Filmhandlung. Ferner greifen fast alle Regisseure auf einen relativ engen Kreis bekannter Schauspieler zurück. Akteure wie Sha Rukh Khan und Ambitabh Bacchan sind nicht nur die Götter der Kinoleinwände, sondern gelten auch im „wahren“ Leben als indische Volkshelden.

Keine Filmindustrie der Welt ist produktiver als die indischen Filmstudios in Mumbai, Chennai, Hyderabad, Bangalore und Trivandrum. Mehr als zwei Filme werden hier täglich produziert. Das Hindi-Kino lockt mehr Zuschauer vor die Leinwände als die Produktionen aus Hollywood. Auf einer Erlebnisreise durch Indien sollten Sie sich einen Abstecher ins indische Kino keinesfalls entgehen lassen. Der kommerzielle indische Film ist auch im arabischen Raum, in Russland und Afrika Kult und erfreut sich auch im Westen immer mehr an Beliebtheit. Mittlerweile sprießen Angebote für Bollywoodtanzkurse und Bollywoodpartys wie Pilze aus dem europäischen Boden.

Indien: Kleidung und Mode

Wer an Kleidung und Mode in Indien denkt, dem schießt bestimmt sofort das Bild farbenfroher Saris in den Kopf. Das klassische Kleidungsstück indischer Frauen, das raffiniert um den Körper geschlungen wird, gilt als typisch indisch. In der Sari-Mode zeigt sich wieder einmal die indische Vielfalt: Form, Farbe, Muster, Preis und Material des Saris variieren von Region zu Region und Modell zu Modell. Das traditionelle Kleidungsstück der Männer – der Turban – wirkt im Vergleich eher schlicht. Trotzdem ist das kunstvoll um den Kopf der Männer gewundene Tuch zum Symbol indischer Kleidung geworden. Der Turban ist aber mehr als ein bloßes Mode-Accessoire: Er schützt vor Hitze und Kälte und eignet sich auch als Schutz gegen Sandstürme in der Wüste. Ferner gilt der Turban als Ausdruck von Ehre und Selbstbewusstsein.

Farbenfrohe
Farbenfrohe
Stoffe
Indiens

 

 

 

 

 

 

Aber nicht nur die traditionelle Kleidung Indiens hat ihren Reiz. Auch in punkto gegenwärtige Modeentwicklungen ist Indien am Puls der Zeit. Wer kennt nicht die berühmte Kaschmirwolle, aus der die edlen Schals gefertigt werden? Oder die Brokatseide aus Varanasi? Besondere Mode in guter Qualität und zu unschlagbar günstigen Preisen – das ist wohl das Geheimrezept der indischen Modeindustrie. So wird eine Indienreise auch gern zur Schnäppchenjagd genutzt. Auf bunten Märkten und in lebendigen Läden nach einzigartiger Kleidung und Lederwaren zu stöbern, sich im Feilschen zu probieren – auch das ist ein Stück Indien.

Zum Abschluss noch eine kurze Bemerkung zum Thema Reisekleidung auf einer Rundreise durch Indien. Wer es sich leisten kann, achtet in Indien auf ein gepflegtes Äußeres. Gleiches wird auch von Touristen erwartet. Das Zeigen von viel nackter Haut wird, vor allem bei Frauen, als respektlos empfunden. Für das Betreten von Heiligtümern gilt: Schuhe sind auszuziehen und bedeckte Kleidung ist ein Muss.

Indien: Musik

Indische Musik klingt für europäische Ohren sicher gewöhnungsbedürftig, wenn nicht sogar unzumutbar, wenn man dem französischen Komponist Hector Berlioz glauben darf. Sicher, da gab es den Trend in den 60-er Jahren, wo auf einmal indische Musik als angesagt galt. Wir erinnern an blumengeschmückte Hippies, die berauscht von den „Klängen Indiens“ auf Suche nach ihrem Selbst gingen.

Will man jedoch das Wesen der Musik in Indien verstehen, muss man tiefer schürfen. In dem südasiatischen Land dient das Musizieren der Suche nach Gott. Die Klänge sollen den Zuhörer in einen meditativen Zustand versetzen, der den Weg zum Göttlichen ebnet. Ein indisches Konzert ist wie ein lebendiges Gespräch zwischen Raga- und Tala-Musikern. Raga ist sozusagen die Melodie des Stückes. Als typische Instrumente gelten die Sitar, die Flöte oder die Violine. Innerhalb einer enormen Bandbreite an Tonskalen geht es dem Raga-Interpreten darum, eine bestimmte Stimmung zu erzeugen. Den Gegenpart zu einem Raga bildet der Tala – der Rhythmus des Musikstückes. Handtrommeln sorgen für die rhythmische Untermalung.

Frauen in Indien

Wie so vieles in der indischen Gesellschaft zeigt sich die Rolle der Frau auf widersprüchliche Weise. Einerseits wird die Natur in Form der Muttergöttin verehrt. Das Prinzip der Weiblichkeit, das Leben spendet, gilt als Inkarnation des Göttlichen. Der Hinduismus huldigt zahllosen Göttinnen, die ihren männlichen „Artgenossen“ in nichts nachstehen. Die Kehrseite der Medaille präsentiert sich jedoch augenscheinlicher: die Unterdrückung und Diskriminierung vieler Frauen in Indien.

Das Leben der Mehrheit der indischen Frauen ist besonders in ländlichen Regionen durch eine lebenslange Diskriminierung charakterisiert. Indische Frauen genießen weniger Bildung, Verpflegung und medizinische Versorgung. Von Kindheit an müssen sie im elterlichen Haushalt schwere Arbeiten verrichten und den Männern der Familie dienen. Die Rolle der verheirateten Frau ist „klassisch“, ihr Tätigkeitsbereich reduziert sich meist auf den privaten Bereich des Haushalts. Sie hat ihren Mann zu verwöhnen und jegliche seiner Forderungen klag- und bedingungslos zu erfüllen. Emanzipation ist in Indien meist ein Fremdwort. Nur sehr langsam schleichen sich Ansätze einer Änderung des Frauenbildes in die indischen Köpfe ein. Vor allem in größeren Städten werden Hoffnungsschimmer am düsteren Horizont der Geschlechtergleichstellung sichtbar.

Kinder in Indien

Familie und Kinder bilden in Indien den Dreh- und Angelpunkt des Lebens. Kinderreichtum gilt als Segen, zeugt von Fruchtbarkeit und führt zu Ansehen. Auch der ökonomische Faktor des Kinderkriegens ist nicht von der Hand zu weisen. Kinder gelten als Altersvorsorge, gibt es in Indien doch keine staatliche Rente. So gilt zumindest für die Geburt von Jungen das Motto: „Je mehr, desto besser“. Da können auch staatliche Programme, die der Überbevölkerung Indiens entgegenwirken wollen, wenig ausrichten. Prinzipiell lässt sich ein Zusammenhang zwischen Armut, Analphabetismus und kinderreichen Familien einerseits sowie Reichtum, Bildung und kinderärmeren Familien andererseits feststellen.

 

Straßenszene in Aurangabad

Man kann nicht über Kinder in Indien schreiben, ohne nicht wenigstens das Stichwort Kinderarbeit in Indien zu erwähnen. In einem Land, in dem fast jeder dritte Einwohner unterhalb der Armutsgrenze lebt, müssen oft auch schon die „Kleinen“ zum Überleben beitragen. Circa eine Millionen indischer Kinder sind von der wirtschaftlichen Ausbeutung durch Schuldknechtschaft betroffen. Mädchen trifft es besonders hart. Aus der Kinderarbeit ergibt sich ein kaum zu durchbrechender Teufelskreis: Wer arbeitet, kann nicht zur Schule gehen. Wer nicht zur Schule geht, hat kaum Aussichten auf einen besser bezahlten Job. Wer kein gutes Einkommen hat, dessen Kinder müssen auch arbeiten gehen usw.

Indischer Tanz

Auch der indische Tanz als Ausdruck eines Lebensgefühls entführt Globetrotter von überall in eine ganz andere, magische, aber auch undurchsichtige Welt. Der Tanz und der Hinduismus sind untrennbar miteinander verwoben: In dieser rituellen Praxis, so glauben viele Inder, findet der Gläubige zum Göttlichen, er wird eins mit der höheren Macht. In fast jedem Hindu-Tempel gibt es daher eigens zum Tanz vorgesehene Räumlichkeiten. Shiva, einer der wichtigsten Götter der Hindus, tritt auch in Form des Nataraja auf – dem König des Tanzes, der in rhythmischen Bewegungen die Mächte aus Zerstörung und Erneuerung in Einklang bringt. Der Stoff, aus dem das Spektakel indischer Tänze gewoben ist, ist der enorme Schatz an Mythen und Sagen. Ob göttliche Helden oder gefährliche Schurken – die indische Mythologie bietet alles, was für ein unterhaltsames Drama mit Happy End nötig ist. Da kann sich Hollywood durchaus eine Scheibe abschneiden.

Grob kann zwischen vier wesentlichen Elementen des Tanzes unterschieden werden. Zunächst der körperliche Ausdruck (angika). Mit jahrelang einstudierten Bewegungen sowie Mimik und Gestik erzählt der Künstler eine Geschichte voller Symbolkraft. Hinzu kommt das akustische Moment (barika), das den Tanz durch Musikinstrumente umrahmt. Drittens verleiht das dekorative Element (aharja) des Spektakels mit aufwendigen Kostümen, Bühnenbildern und Requisiten dem Tanzgeschehen Lebendigkeit. Abgerundet wird der indische Tanz durch die ästhetisch-psychische Ausdrucksform (satrika). Diese dient der möglichst authentischen und emotionalen Darstellung der Charaktere, die es dem Publikum eröffnet, mit den Akteuren mitzuleiden, sich mit ihnen zu freuen oder sonstige Gefühlsregungen von ihnen zu teilen.

Typische klassische Tänze in Indien sind: der Bharat Natyam (von Frauen praktiziert, erzählt meist aus dem Leben Krishnas), der Kathakali aus Kerala (für seine aufwendigen und farbenfrohen Kostüme und Masken bekannt), der vor allem in Nordindien praktizierte Kathak (unverkennbar durch eine beeindruckende Fußarbeit der Tänzer, die mit Fußglöckchen über das Tanzparkett schweben), der Manipuri (ein Gruppenauftritt, den man vor allem im Nordosten bewundern kann) und der Odissi (ein weiblich-sinnlicher Solotanz, der von der Liebe erzählt). Neben diesen Klassikern erfreut sich auch der sogenannte Bollywood-Tanz wachsender Beliebtheit.

Der berühmte Kathakali aus Kerala